Dyskalkulie – Rechenschwäche
3. März 2010 | Von tamira | Kategorie: Bildung & WissenDie Dyskalkulie, auch Rechenschwäche genannt, steht für eine Entwicklungsverzögerung im mathematischen Denken und im Verständnis der mathematischen Logik. Daraus resultieren anhaltende Probleme mit dem Lernstoff, die oft schon in der Grundschule deutlich werden. Der von Dyskalkulie betroffene Schüler hat häufig Probleme mit dem Zahlbegriff, dem Verständnis von Zahlmengen, dem freien Anwenden der Grundrechenarten und dem Verständnis der Dezimalstellen.
Bei der Dyskalkulie unterscheidet man zwischen drei Erscheinungsformen, die allerdings nicht isoliert sondern häufig in unterschiedlicher Ausprägung kombiniert auftreten:
Dyskalkulie und Nominalismus des Zahlbegriffs
Bei dieser Erscheinungsform der Dyskalkulie kennen die Kinder die Zahlen und auch deren richtige Reihenfolge, sie wissen aber nicht, was diese Zahlen bedeuten und können sich die dahinter stehenden Zahlmengen nicht vorstellen. Addition und Subtraktion können von den betroffenen Schülern meist nur durch Abzählen durchgeführt werden.
Folgende Verhaltensweisen beim Rechnen können auf eine Dyskalkulie hinweisen:
- Unterbrechungen bei Abzählen der Zahlenwerte
- Immer neues Abzählen, kein Abstrahieren von bereits gerechneten Aufgaben
- Hohe Gedächtnis- und Konzentrationsleistungen
- Hohe Anstrengungen und schnelle Erschöpfung beim Rechnen
- Die Rechenaufgaben dauern immer sehr lange, wobei durch häufiges Üben keine Steigerung der Geschwindigkeit zu erkennen ist
- Schnelles Vergessen des Eingeübten oder Auswendiglernen ohne Verständnis des Inhaltes
Dyskalkulie und Mechanismus der Rechenverfahren
Unter einem Mechanismus der Rechenverfahren versteht man, dass der Schüler die Rechenaufgaben immer nach einem festen Schema bearbeitet, das er zuvor auswendig gelernt hat. Er versteht den Sinn der einzelnen Schritte und deren Zusammenhänge jedoch nicht.
Folgende Auffälligkeiten können ein Anzeichen für diese Art der Dyskalkulie sein:
- Scheinbar „offensichtliche“ Rechenfehler werden nicht erkannt: Der Schüler akzeptiert widersprüchliche Ergebnisse nebeneinander, da er keinerlei Vorstellung von der richtigen Lösung hat.
- Abgeänderte oder kompliziertere Aufgaben können nicht bearbeitet werden oder führen zu gravierenden Rechenfehlern – Die Aufgabe wird manchmal einfach nach dem einzig bekannten Schema weitergerechnet, auch wenn diese Rechnung keinen Sinn ergibt.
- Der Schüler klammert sich an dem bekannten Rechenschema fest.
- Größenangaben werden wahllos verknüpft um irgendwie zu einer Lösung zu gelangen.
- Nur die Aufgaben, die dem Schema entsprechen können bearbeitet und gelöst werden. Dabei wissen die Schüler jedoch nicht, warum sie die einzelnen Schritte so durchgeführt haben und was das im Einzelnen bewirkt hat. Auch das Ergebnis können sie oftmals nicht erklären.
Dyskalkulie und Konkretismus
Ein Schüler der von Dyskalkulie betroffen ist und Symptome des Konkretismus zeigt, braucht zum Bewältigen der Rechenaufgaben ein direktes Veranschaulichungsmittel: in den meisten Fällen sind dies die Finger. Das Problem dabei ist, dass die Finger für den Schüler nicht als Veranschaulichungsmittel dienen sondern der Schüler die Handlung an sich als das eigentliche Rechnen begreift. Das Abzählen der Finger ist für ihn somit „Rechnen“. Die logische mathematische Denkweise des Rechnens bleibt dem Schüler durch die Dyskalkulie gänzlich verschlossen.
So ist auch nicht verwunderlich, dass sich bei einem Schüler mit Dyskalkulie folgende Auffälligkeiten zeigen:
- Das Rechnen ist dem Schüler nur mit den ihm bekannten Veranschaulichungsmitteln möglich.
- Der Schüler hält an seinen Mitteln fest, ist nicht in der Lage ohne sie zu rechnen und fühlt sich ohne diese Hilfsmittel hilflos.
- Hinzu kommt eine uneffektive und für seine Mitmenschen unverständliche Verwendung der Veranschaulichungsmittel, die auf seiner subjektiven Denkweise beruhen.
Diese drei Phänomene der Dyskalkulie: Nominalismus, Mechanismus und Konkretismus ergänzen sich und stellen die drei Betrachtungsebenen der Dyskalkulie dar:
Der Nominalismus beschreibt dabei die begriffliche Seite der Dyskalkulie. Der Schüler hat ein noch nicht ausgebildetes Verständnis für die Stoffinhalte und die mathematische Logik.
Der Mechanismus betrachtet die praktische Seite der Dyskalkulie und damit die unverstandenen Umgangsweise mit den Rechenverfahren: Der Schüler weiß nicht, warum er die einzelnen Schritte durchführt, sondern er wendet ein auswendig gelerntes Schema an.
Der Konkretismus beschreibt den Einsatz der Veranschaulichungsmaterialien. Diese werden vom Schüler mit Dyskalkulie angewendet, ohne dass er den tieferen Sinn versteht.
Kinder, die unter Dyskalkulie leiden, haben kein oder nur ein sehr schwaches Fundament für das mathematische Verständnis. Die nötigen mathematischen Grundlagen sind nicht vorhanden. Das hilflose, oft stundenlange Üben und Auswendiglernen ist ineffektiv, da sich dadurch der mathematische Kerngedanke dem Schüler nicht erschließt.
Auch Schüler, die aufgrund von schlechtem Schulunterricht, häufigem Lehrerwechsel, Krankheit oder familiären Problemen in Mathematik immer wieder versagen, brauchen eine moderne Förderung. Auch sie weisen oft weit zurück liegende Defizite in Mathematik auf, die so bald wie möglich aufgearbeitet werden müssen.
Zuerst braucht der von Dyskalkulie betroffene Schüler jedoch gute Bedingungen zum Lernen, wenn er Erfolg haben soll. Eventuell vorhandene psychische Probleme oder sprachliche Defizite müssen zunächst diagnostiziert und von Fachkräften behandelt werden, bevor ein lerntherapeutisches Gespräch möglich ist. Diese Problembehandlung stellt aber in keinem Fall einen Ersatz für die nötigen mathematischen Lernprozesse dar.
Diagnose von Dyskalkulie
Hat mein Kind Dyskalkulie?
Wenn Sie Sich diese Frage stellen, sollten Sie ihr Kind auf Dyskalkulie testen lassen.
Es gibt heutzutage viele standardisierte Tests, die, ähnlich wie eine Klassenarbeit, ergebnisorientiert arbeiten und Lerndefizite aufdecken sollen. Der Nachteil dieser Test liegt allerdings darin, dass sie nicht die Rechenweise und Rechentechniken untersuchen, sondern nur die Fehleranfälligkeit.
Eine bessere Dyskalkulie-Testmöglichkeit besteht in einem persönlichen Gespräch des Schülers mit einem geschulten Therapeuten, bei dem der Schüler seine Rechenwege und Techniken während des Rechnens erklärt. Dabei kann der Therapeut eine qualitative Fehleranalyse und Beurteilung der Rechentechniken und des Rechenverhaltens durchführen, was für die Behandlung der Dyskalkulie weitaus sinnvoller ist. Dabei werden die falschen oder umständlichen Rechenwege ermittelt und die begriff losen Lösungswege aufgedeckt.
Durch diese Analyse können Rückschlüsse auf das Verständnis der mathematischen Inhalte und Rechenregeln gezogen werden. Die Lerndefizite werden dadurch sichtbar und die Systematik der Rechenfehler kann aufgeschlüsselt und erklärt werden.
Die zusätzliche Beobachtung des Verhaltens, der Mimik, der Gestik und der Körpersprache während des Rechnens geben dem Therapeuten weitere Aufschlüsse .
Um Form und Ausprägung einer möglichen Dyskalkulie weiter beurteilen zu können, wird auch der Umgang mit Veranschaulichungsmitteln sehr genau analysiert.
Oft lässt sich die Dyskalkulie schon im Umgang mit den Veranschaulichungsmitteln nachweisen.
Ziel der gründlichen Beobachtung und des ausführlichen Gesprächs ist eine differenzierte Analyse der Dyskalkulie, um eine geeignete Rechentherapie entwickeln zu können.
Die anschließende Therapie kann dann individuell fördern und gezielt die mathematischen Probleme aufarbeiten.
Lerntherapie bei Dyskalkulie:
Da jeder Schüler, der unter Dyskakulie leidet, ganz unterschiedlich ausgeprägte Schwächen und Rechenprobleme aufweist, kann nur eine individuelle Förderung zum Erfolg führen. Gut gemeinter Förderunterricht kann hierbei genauso wenig ausrichten wie Gruppennachhilfe, in dem die Schüler an einem gemeinsamen Thema arbeiten.
Die individuelle Lernausgangslage muss die Grundlage für alle Lern- und Förderkonzepte sein.
Daraus ergibt sich automatisch ein individuelles Bedarfsprogramm mit angepassten Lernmaßnahmen, je nach Eigenarten und Störungen des Lernprozesses und der Persönlichkeit des Schülers und seines Umgangs mit der Dyskalkulie. Die Dyskalkulie braucht individuelle Lehr- und Lernformen, die stets auf die jeweilige Entwicklung des Schülers aktualisiert und angepasst werden müssen. Im Mathematikunterricht bauen die Lerninhalte sachlogisch aufeinander auf, so dass immer mit den kleinsten Schritten begonnen werden muss.
Der nächste Schritt kann immer erst dann folgen, wenn der erste vom Schüler verstanden worden ist, und dieser ihn auch logisch nachvollziehen kann. Daraus ergibt sich von selbst die Notwendigkeit des therapeutischen Lerndialogs mit dem Schüler.
Dieser Lerndialog steht im Vordergrund für den mathematisch und pädagogisch-psychologisch ausgebildeten Lerntherapeuten für Dyskalkulie. Der Lerntherapeut für Dyskalkulie muss die mathematischen Themen so differenziert darstellen können, dass sie dem Schüler ein einer Art und Weise erklärt werden, die er versteht und nachvollziehen kann. Dies kann bei unterschiedlichen Schülern zu ganz unterschiedlichen Erklärungsansätzen führen.
Bei der Therapie ist eine ständige Lernkontrolle sinnvoll, die den Schüler jedoch nicht unter Druck setzten darf. Die Lernschritte müssen auf das Lernverhalten des Schülers angepasst sein, damit dieser gefördert und motiviert, in keinem Fall aber überfordert wird. Das Vertrauen des Schülers in sein neu erworbenes Wissen und seine Fähigkeiten kann so ständig wachsen und trägt wesentlich zum Lernerfolg bei.
Vorbeugende Maßnahmen gegen Dyskalkulie
Für die Prävention und frühzeitige Erkennung einer Dyskalkulie sind die ersten beiden Schuljahre und die ersten Lernschritte besonders wichtig. Bereits im ersten Schuljahr kann auf Dsykalkulie geprüft werden, dies sollte bei Verdacht auch unbedingt geschehen um dem Schüler frühzeitig entsprechende Hilfestellung zu geben.
Viele Eltern scheuen sich vor Fördermaßnahmen im Grundschulalter doch sollten Sie bedenken, dass durch lerntherapeutische Frühbegleitung die Ausbildung einer Dyskalkulie verhindert werden kann, und daher bei entsprechender Diagnose unbedingt empfehlenswert ist.
Schon im Kindergarten sollten die Kinder die Grundbegriffe der Zählwerte und das Rechnen mit Anschauungsmaterial im Zahlenraum bis zwölf oder zwanzig lernen. Dadurch sollten die Kinder schon im frühen Alter eine Vorstellung von Mengen vermittelt bekommen und so ein mathematisches Grundverständnis erlangen.
Durch genaues Beobachten des Kindes beim Rechnen während des ersten Schuljahres können Anzeichen für Dyskalkulie frühzeitig erkannt und durch entsprechende Therapie und Förderung behandelt werden.
Was bedeutet Dyskalkulie für ein Kind?
46 % der Kinder mit Lernstörungen leiden an psychischen Auffälligkeiten und Verhaltensstörungen.
Diese Zahl ist zunächst einmal erschreckend. Wenn man sich allerdings vor Augen führt, wie das Kind die Dyskalkulie erlebt, wird der Zusammenhang zwischen Entwicklungsstörungen und psychischen Problemen schnell deutlich. Die Lernstörung kann dabei sowohl Folge als auch Ursache der Verhaltensstörungen sein.
Auch wird deutlich, dass der Therapieerfolg bei der Dyskalkulie weniger von der Intelligenz oder der Sprachbegabung des Kindes abhängt, sondern vielmehr von den Problembewältigungsstrategien des Kindes und den Reaktionen des sozialen Umfeldes.
Oft lassen sich die im Selbstbild und Verhalten des Kindes deutlich werdenden psychischen Symptome direkt oder indirekt auf die Dyskalkulie zurückführen. Diese Symptome können Depressionen, Ängste, psychosoziale Probleme mit Mitschülern, Geschwistern und Eltern, psychosomatische Beschwerden und psychomotorische Beeinträchtigungen sein.
Psychosoziale Faktoren der Dyskalkulie
Das Leben eines Kindes, das unter Dyskalkulie leidet, wird bestimmt von Ängsten, Kontrollverlust und allgemeiner Niedergeschlagenheit. Das Verhalten der Bezugspersonen, also Eltern, Geschwistern, Mitschülern und Lehrern, verschlimmert die Situation meistens noch.
Das Kind erfährt häufig Strafe, Überforderung, Bloßstellen und auch elterliches Leiden, für das es sich selbst die Schuld gibt. Dies führt dazu, dass das Kind unter Ängsten leidet und ein sehr negatives Selbstbild entwickelt. Zur Verhinderung von unangenehmen Situationen entwickelt es zunehmend Vermeidungs- und Kompensationsstrategien, die sein Leben weiter einschränken.
Lehrer, die die Dyskalkulie nicht erkennen, stufen den Schüler oftmals als unwillig, faul, unkonzentriert oder unbegabt ein. Der Schüler resigniert irgendwann und denkt selbst:
„ Ich bin halt zu dumm.“ Diese Einstellung verfestigt sich schließlich im Selbstbild.
Zusätzliche Förderung durch den Lehrer, zum Beispiel in Form von Förderunterricht, bringt meist nur neuen Frust und wird durch den Schüler eher als Bestrafung angesehen, zumal die Förderung meist an den eigentlichen Schulschluss angehängt wird. Dies führt zu einer weiteren seelischen Belastung der Kinder.
Die Mitschüler verschärfen durch den ständigen Vergleich untereinander und das kindliche Konkurrenzverhalten die Situation zusätzlich. Der „dumme“ Schüler wird gehänselt und ausgeschlossen.
Auch die Eltern sind in einer schwierigen Situation: Ihre Besorgnis und eventuell verstärkte Trainingsbemühungen sorgen meist nur zu zusätzlichen häuslichen Spannungen.
Manchmal wird das Kind auch als „schwarzes Schaf“ der Familie abgestempelt und die Eltern resignieren.
Durch Schuldzuweisungen der Eltern an sich selbst, an die Lehrer oder allgemein an die Schule kommt es zu zusätzlichen Spannungen: Geben die Eltern sich selbst die Schuld führt deren psychische Anspannung oft zu Schuldgefühlen beim Kind. Eine Schuldzuweisung an die Lehrer führt meist zu Spannungen zwischen dem Elternhaus und der Schule und belastet das Kind zusätzlich.
Oft führen die jahrelangen Schulprobleme bei den Eltern zur Resignation, da sie die eigentliche Ursache, die Dyskalkulie nicht erkennen können. Sie halten ihr Kind für weniger intelligent und fügen sich in die scheinbare Unabänderlichkeit des Schicksals. Eine Förderung scheint nicht Erfolg versprechend und wird nicht weiter in Betracht gezogen, da das Kind ja scheinbar nicht lernfähig und nicht intelligent genug ist. Die Situation wird irgendwann akzeptiert und das Kind wird als „zu dumm“ abgestempelt – und so fühlt es sich auch.
Eine andere, vielleicht noch schlimmere Variante, ist die, wenn die Eltern eine fehlende Intelligenz gänzlich ausschließen und dem Kind die Schuld für sein Versagen geben. Das Kind wird als „faul“ bezeichnet und ihm wird unterstellt nur nicht richtig lernen zu wollen. Anstatt Förderung erhält das Kind Bestrafung und erfährt neben dem schulischen Versagen nun auch noch sein persönliches, menschliches Versagen.
Selbstbild des Kindes mit Dyskalkulie:
Mittlerweile ist klar, dass auch Kinder ein ausgeprägtes Selbstbild entwickeln. Kinder im Grundschulalter können die Zukunft noch nicht richtig bewerten, ihnen stellt sich aber ein Bild möglicher Bedrohungen dar, die nicht kontrollierbar sind.
Die Kinder erleben sich als selbstverantwortlich für ihre schulischen Leistungen, müssen aber im Fach Mathematik erkennen, dass Erfolg und Misserfolg unabhängig von der eigenen Anstrengung ist. Dies führt nach und nach zur „erlernten Hilflosigkeit“: was das Kind auch tut, es kann seine Situation nicht ändern.
Das Kind lebt mit der Erwartung stetig neu zu versagen und fühlt sich nicht in der Lage die Zukunft zu bewältigen. Durch dieses Gefühl der Hilflosigkeit werden beim Kind immer mehr Ängste gebildet.
Die ständige Vergleichs- und Konkurrenzsituation zu Mitschülern und Geschwistern, sowie deren abwertendes, isolierendes und teilweise auch aggressives Verhalten belasten die Psyche des Kindes sehr stark. Die Dyskalkulie beeinträchtigt das Leben des Kindes damit enorm, ohne, dass das Kind von seiner Rechenschwäche weiß.
Erwachsene zeigen dem Kind gegenüber seltener direkt abwertendes Verhalten, aber auch gut gemeintes Verhalten kann dem Kind eher schaden: So führt zum Beispiel spezielle Förderung durch die Lehrer, ohne das die Dyskalkulie erkannt wurde, zu weiteren Misserfolgen.
Auch ein Schonen des Kindes im Unterricht bringt für das Kind keine Hilfe: Es fühlt sich nun von seinen Mitschülern isoliert und eventuell sogar vom Lehrer aufgegeben.
Selbst wenn die Eltern versuchen, sich nichts anmerken zu lassen: Der Schüler nimmt die Erwartungen, Hoffnungen und Ängste der Eltern durch ihr Verhalten war und wird dadurch zusätzlich unter Druck gesetzt.
Dies alles führt schließlich dazu, dass das Fach Mathematik, die Lehrer, die Mitschüler und auch die Familie und die ganze Schule von dem Kind als mögliche Bedrohung empfunden wird.
Das Selbstbild, des unter Dyskalkulie leidenden Kindes, lässt sich folgendermaßen zusammenfassen: Das Kind fühlt sich verantwortlich für das eigene Scheitern, durch das Verhalten seiner Mitmenschen entwickelt sich ein Gefühl der Minderwertigkeit und das Kind lebt in ständiger Erwartung diffuser und unkontrollierbarer Bedrohungen, denen es nicht ausweichen kann. Die Ängste, die das Kind dabei plagen, weiten sich ausgehend vom Fach Mathematik auf andere Fächer, die ganze Schule und schließlich auf alle Bereiche des Lebens aus.
Symptomatik der Dyskalkulie:
Schüler, die an Dyskalkulie leiden, haben oft nur wenig oder gar keine Freunde in der Schule. Sie werden oftmals gehänselt und haben ein sehr geringes Selbstwertgefühl. Sie sind unmotiviert und fühlen sich als Versager. Manchmal zeigen sie auffällige psychomotorische Beeinträchtigungen oder psychosomatische Symptome. Sie haben nur eine eingeschränkte Kritikfähigkeit und eine geringe soziale Kompetenz.
Die Kinder leben in einer ständigen, enormen Stresssituation. Auch die Bewältigung der Hausaufgaben ist für die Kinder ein Problem und daher dauern diese auch oft sehr lange.
Verhaltensauffälligkeiten bei Dyskalkulie:
Kinder, die unter Dyskalkulie leiden, entwickeln im Laufe der Zeit verschiedene Vermeidungs- und/oder Kompensationsstrategien um mit der enormen Stressbelastung fertig zu werden. Zur Vermeidung der angstauslösenden Situationen ziehen sich die Schüler zurück, was zu sozialer Isolation führen kann.
Das Fach Mathematik, und alles was mit dem Rechnen zu tun hat, wird weites gehend verdrängt und gemieden. Das Kind kapselt sich ab und hat daher immer weniger Sozialkontakte. Dies kann eventuell auch zum völligen Rückzug führen – Das Kind lässt niemanden mehr an sich ran.
Oftmals versuchen die Kinder auch die Dyskalkulie und das damit verbundenen schlechte Selbstbild zu kompensieren, indem sie sich auf andere Weise Anerkennung verschaffen, zum Beispiel durch rumkaspern oder Gewalt. Einige Kinder versuchen auch sich durch Rollenspiele von sich selbst zu distanzieren.
Leistungsversagen in anderen Fächern als Folge der Dyskalkulie: Zu einem allgemeinen Schulversagen kommt es erst nach einer langen Misserfolgsperiode und als Folge des verfestigten, negativen Selbstbildes. Die „erlernte Hilflosigkeit“ ist zu einem festen Bestandteil der Persönlichkeit geworden: „Es bringt ja eh nichts!“ – das Kind resigniert nun auch in anderen Fächern.
Die scheinbare Gleichgültigkeit des Kindes ist nur eine Folge jahrelanger Stress- und Angstbewältigung aufgrund der Dyskalkulie. Das Vermeidungsverhalten und die soziale Isolation führen schließlich zum Schulversagen.
Durch diese Kausalkette dreht sich die Entwicklungsspirale immer weiter nach unten: durch die Dyskalkulie entwickelt sich ein negatives Selbstbild, das negative Selbstbild führt schließlich zum Schulversagen und das Schulversagen wiederum bestätigt das negative Selbstbild.
Das soziale Umfeld des Schülers verschlimmert die Situation meist noch durch Fassungslosigkeit und Unverständnis, da es den Hintergrund, die Dyskalkulie, nicht erkennt. Natürlich bekommt das Kind auch diese Reaktionen mit und bezieht sie wieder auf sein Unvermögen. Die damit einhergehende psychische Belastung kann eine sehr große Eigendynamik entwickeln. Die Motivation sinkt, das Kind resigniert. Es vermeidet jegliche Anstrengung und das negative Selbstbild verdichtet sich weiter.
Die spätere Aneignung mathematische Kompetenz wird durch die negativen Nebenwirkungen meist vollständig verhindert. Zudem wird das negative Selbstbild auf außer mathematische Bereiche übertragen, was wiederum dann zu allgemeinen Lernstörungen führen kann. Die Gründe für die damit einhergehenden Verhaltensauffälligkeiten werden deutlich, wenn man sich noch einmal die Situation des Kindes vor Augen führt.
Das Leben des Kindes wird dabei vor allem durch folgende Punkte bestimmt:
- Jahrelanges Scheitern
- Keine Möglichkeit aus der Situation auszubrechen
- Absolute Hilflosigkeit
Erwachsene sind solchen Situationen weitaus seltener ausgesetzt, da sie meist Handlungsalternative besitzen, um sich selbst aus der Situation zu befreien (z.B. bei Stress am Arbeitsplatz). Zudem sollte man Bedenken, dass Erwachsene in solchen Situationen ähnliche Reaktionen zeigen.
Bei der Bestimmung der Anzahl der betroffenen Kinder, die an Dyskalkulie leiden, gibt es eine sehr hohe Dunkelziffer, da ab einer bestimmten Entwicklungsstufe die Kinder allgemeines Leistungsversagen zeigen, und dies nicht mehr eindeutig auf die nicht erkannte Dyskalkulie zurückgeführt werden kann.
Es wird angenommen, dass mehr als 35% deutscher Sonderschulüberweisungen auf eine nicht erkannte Dyskalkulie zurückzuführen sind.
Verhaltensstörungen und Verhaltensauffälligkeiten bei Dyskalkulie
Die häufigsten Auffälligkeiten sind:
- Arbeitsverweigerung
- Antriebsschwäche
- Scheinbare Konzentrationsstörungen
- Passivität
- Angst
- Negatives Selbstbild
- Überhöhtes Anlehnungsbedürfnis
- Unterrichtsstörung
- Aggressives Verhalten
- Häufige Kopf- und Bauchschmerzen
Diese Verhaltensauffälligkeiten werden vom Kind unbewusst zur Bewältigung der Überforderungssituation angewendet, sie können jedoch so stark ausgeprägt sein, dass sie das eigentliche Problem, die Dyskalkulie, überlagern.
Dabei helfen die entwickelten Kompensationsversuche nur vorübergehend: Erfolge in Sport oder Kunst werden vom Schüler nicht so hoch eingeschätzt und Unterrichtsstörungen erhöhen zwar das Ansehen bei den Mitschülern, führen aber zu weitere Konflikten mit den Eltern und Lehrern. Der Schüler schafft es nicht alles richtig zu machen – für ihn ist keine Lösung in Sicht.
Zusätzliche Förderung und Lernen mit den Eltern wird eher als Bestrafung angesehen, da die erhofften Erfolge ausbleiben und nur weitere Enttäuschungen nach sich ziehen. Damit sind für den Schüler seine Misserfolge allgegenwärtig: Zunächst der Misserfolg beim Rechnen, dann der Misserfolg der zusätzlichen Förderung und schließlich noch der Misserfolg der Kompensations- und Vermeidungsstrategien.
Dies erklärt, dass der Schüler sine Ablehnung gegenüber dem Fach Mathematik ausweitet auf die Lehrer, Mitschüler und die Eltern. Was wiederum zu weiteren häuslichen Konflikten und zur sozialen Isolation führt.
Der Schüler steckt in einer für ihn ausweglosen Situation und entwickelt aus der Dyskalkulie heraus Verhaltensstörungen, die die Situation immer weiter verschlimmern.
Behandlung der psychologischen Folgen der Dyskalkulie
Um Dyskalkulie erfolgreich behandeln zu können muss das soziale Umfeld in die Behandlung mit einbezogen werden.
Der Abbau des Leistungsdrucks im Fach Mathematik hat dabei einen besonders hohen Stellenwert. Die Eltern müssen unbedingt über die Zusammenhänge zwischen den Verhaltensstörungen und Verhaltensauffälligkeiten aufgeklärt werden und die psychische Situation des Kindes muss verdeutlicht werden. Die Leistungserwartungen sollten in jedem Fall reduziert und eine geneinsame Zielsetzung der Maßnahmen gegen die Dyskalkulie entwickelt werden.
Zudem ist eine ausführliche Beratung zu förderlichen und hinderlichen Maßnahmen durch einen geschulten Therapeuten unbedingt nötig, um dem Kind weiteren Stress zu ersparen.
Auch eine Beratung der Lehrer des Kindes ist notwendig um diese über die Rechenschwäche und die daraus resultierenden Verhaltensstörungen aufzuklären. Die Lehrer müssen zusätzlich über Lernmöglichkeiten informiert werden um die Leistungen des Kindes unabhängig vom Lernerfolg einschätzen zu können. Zudem ist eine Hilfestellung für die Lehrer sinnvoll, die es ihnen ermöglicht das Kind individuell und effektiv zu fördern. Eine Befreiung von der Benotung im Fach Mathematik ist in jedem Fall empfehlenswert um den Leistungsdruck des Kindes so weit wie möglich zu reduzieren.
Die aus der Dyskalkulie resultierenden Verhaltensauffälligkeiten sollten so weit abgebaut werden, dass das Kind wieder die Möglichkeiten hat sich dem Fach Mathematik zu nähern. Das Vertrauensverhältnis zu den Bezugspersonen muss nach und nach wieder aufgebaut, und die Ängste des Kindes abgebaut werden. Nur dann kann das Kind die Hilfen annehmen und sich, unabhängig von der Leistung, mit seinen Defiziten im Fach Mathematik sachlich auseinander setzen.
Die Stärkung des Selbstwertgefühls ist dabei eine sehr wichtige Maßnahme zur erfolgreichen Behandlung der Dyskalkulie. Das Bewältigungsverhalten des Kindes muss dabei thematisiert und die Lernstrategien mit dem Kind gemeinsam entworfen und erarbeitet werden. Je nach Ausprägung der Verhaltensauffälligkeiten ist zunächst eine psychotherapeutische Maßnahme sinnvoll. Es sollte bei der Dyskalkulie Therapie immer ganzheitlich vorgegangen werden und nicht versucht werden einzelne Symptome ohne Zusammenhang zu behandeln.
Verstand, Emotionen und Verhalten müssen immer im Ganzen betrachtet und behandelt werden.
Wenn Sie bei Ihrem Kind eine Dyskalkulie vermuten, sollten Sie es von einem geschulten Therapeuten testen lassen.
Dieser Text erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und kann in keinster Weise eine Betreuung und Beratung durch eine entsprechende Fachkraft ersetzen.

Nachhilfe in Deutsch